Ein Sprung ins kalte Wasser: Kann Kälte Krebs bekämpfen?
Die Ostsee ist an diesem Morgen nur knapp über dem Gefrierpunkt. Für die meisten Menschen ein Grund, die Heizung aufzudrehen. Für Olivia ist es ein Grund, ins Wasser zu gehen. Seit sie 2019 nach Flensburg zog, ist das kalte Nass ihr täglicher Begleiter. Doch was als belebende Routine begann, wurde zu einer unerwarteten Stütze in der schwersten Zeit ihres Lebens. 2020 erhielt sie die Diagnose: ein aggressives Non-Hodgkin-Lymphom, auch Lymphdrüsenkrebs genannt. Während die Chemotherapie ihren Körper schwächte, fand sie im Eisbaden eine Quelle der Kraft. „Die Chemo hat den Krebs bekämpft, aber auch alle anderen guten Zellen", erzählt Olivia. „Ich brauchte etwas, um mich wieder in den guten Zellen gesund zu fühlen."
Olivias Gefühl, dass die Kälte ihr guttut, war lange nur eine persönliche Erfahrung, die ihre Onkologin nicht mit Studien belegen konnte. Doch was sie intuitiv spürte, rückt nun in den Fokus der Wissenschaft. Eine bahnbrechende Studie aus dem Jahr 2022, veröffentlicht in der renommierten Fachzeitschrift Nature, liefert erstmals plausible Erklärungen, wie Kälte das Tumorwachstum beeinflussen könnte.
Die Wissenschaft hinter der Kälte: Wie braunes Fett Tumoren aushungert
Um zu verstehen, was im Körper bei Kälte passiert, müssen wir über zwei Arten von Fett sprechen: das bekannte weiße Fett, das Energie speichert, und das weniger bekannte braune Fettgewebe. Braunes Fett ist ein körpereigenes Heizkraftwerk. Wenn uns kalt wird, wird es aktiviert, um Wärme zu produzieren. Dafür verbrennt es Unmengen an Energie, vor allem in Form von Zucker (Glukose) und Fettmolekülen, die es direkt aus dem Blut zieht.
Und genau hier wird es für die Krebsforschung interessant. Viele Krebszellen sind wahre „Zucker-Junkies". Sie benötigen für ihr schnelles Wachstum enorme Mengen an Glukose. Dieses Phänomen ist als Warburg-Effekt bekannt und wurde bereits vor fast 100 Jahren entdeckt. Die Forscher um Professor Yihai Cao vom Karolinska Institutet in Schweden stellten sich eine einfache, aber geniale Frage: Was passiert, wenn wir einen Konkurrenten um den Zucker ins Spiel bringen?
Das vollständige Interview mit Olivia
Mäuse in der Kältekammer
In ihrer Studie setzten die Wissenschaftler Mäuse mit verschiedenen Krebsarten (darunter Darm-, Brust- und Bauchspeicheldrüsenkrebs) einer kühlen Umgebung von 4 °C aus. Das Ergebnis war verblüffend: Das Tumorwachstum wurde im Vergleich zu Mäusen bei 30 °C um bis zu 80 % verlangsamt, und die Überlebenszeit der Tiere verdoppelte sich nahezu. PET-CT-Scans, eine bildgebende Methode, die zeigt, wo im Körper besonders viel Zucker verbraucht wird, machten den Mechanismus sichtbar: Das durch die Kälte aktivierte braune Fett saugte die Glukose förmlich aus dem Blut auf. Für den Tumor blieb kaum noch etwas übrig – er wurde quasi ausgehungert.
| Krebsart | Effekt bei Kälteexposition (4 °C) |
|---|---|
| Darmkrebs (CRC) | Bis zu 80 % Hemmung des Tumorwachstums |
| Brustkrebs | Signifikant verlangsamtes Wachstum |
| Bauchspeicheldrüsenkrebs | Deutliche Tumorhemmung |
| Melanom (Hautkrebs) | Reduzierte Tumorprogression |
| Fibrosarkom | Verlangsamtes Wachstum |
Noch überzeugender war der Gegenbeweis: Als die Forscher den Mäusen Zuckerwasser zu trinken gaben, wurde der krebshemmende Effekt der Kälte komplett aufgehoben. Auch die chirurgische Entfernung des braunen Fettgewebes verhinderte die positive Wirkung. Es ist also tatsächlich das braune Fett, das als Vermittler agiert.
Vom Labor zum Menschen
Die Studie ging noch einen Schritt weiter. Sechs gesunde Freiwillige und ein 18-jähriger Patient mit einem Hodgkin-Lymphom wurden einer milden Kälte von 16-22 °C ausgesetzt. Auch hier zeigten die Scans eine deutliche Aktivierung des braunen Fettgewebes. Beim Krebspatienten konnte sogar nachgewiesen werden, dass die Glukoseaufnahme im Tumor durch die Kälteexposition spürbar zurückging.
Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass der in Mäusen beobachtete Mechanismus prinzipiell auch beim Menschen funktionieren könnte. Olivia, die während ihrer Chemotherapie weiter ins Eiswasser stieg, könnte also unbewusst genau diesen Prozess in ihrem Körper angestoßen haben. „Ich hatte das Gefühl, das Salzwasser würde die Chemiestoffe aus meinem Körper ziehen", beschreibt sie ihre Wahrnehmung. Wissenschaftlich betrachtet, könnte es die Aktivierung ihres braunen Fettgewebes gewesen sein, das den Stoffwechsel ankurbelte und den Krebszellen die Nahrungsgrundlage entzog.
Der Glückshormon-Cocktail im Gehirn
Doch die Wirkung des Eisbadens geht über den Stoffwechsel hinaus. Olivia berichtet von einem tiefen Gefühl der mentalen Stärke und Euphorie. „Dieser Dopaminausstoß, die Glücksgefühle, die merken wir, glaube ich, auch jetzt schon", sagt sie. Auch hierfür gibt es eine wissenschaftliche Erklärung. Studien haben gezeigt, dass eine Kaltwasserimmersion den Spiegel der Neurotransmitter Dopamin (das „Glückshormon") um bis zu 250 % und Noradrenalin (ein Hormon für Wachheit und Fokus) um über 500 % ansteigen lassen kann. Dieser neurochemische Cocktail kann nicht nur die Stimmung heben, sondern auch Schmerzen lindern und die mentale Resilienz stärken – alles Faktoren, die für einen Krebspatienten von unschätzbarem Wert sind.
Olivia berichtet auch von weiteren positiven Veränderungen: Seit sie regelmäßig eisbaden geht, sind ihre Hitzewallungen in den Wechseljahren verschwunden, sie schläft besser und fühlt sich mental stabiler. „Ich habe nicht mehr dieses Gefühl, dass ich ständig diese Schwankungen habe, diese Stimmungsschwankungen, Höhen und Tiefen", erklärt sie. Das kalte Wasser ist für sie zu einem Anker geworden, der ihr hilft, den Tag ausgeglichener zu meistern.
Fazit und vorsichtiger Ausblick
Die Geschichte von Olivia und die faszinierenden Ergebnisse der Forschung malen ein vielversprechendes Bild. Kälteexposition könnte eine einfache, kostengünstige und nebenwirkungsarme Ergänzung zu etablierten Krebstherapien darstellen. Sie könnte helfen, das Tumorwachstum zu verlangsamen und gleichzeitig das Wohlbefinden der Patienten auf psychischer und physischer Ebene zu verbessern.
Dennoch ist Vorsicht geboten. Die Forschung steht noch am Anfang. Wie Dr. Ting Bao vom Dana-Farber Cancer Institute betont, gibt es noch keine abgeschlossenen klinischen Studien am Menschen, die eine therapeutische Wirkung beweisen. Patienten, insbesondere solche mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder einem geschwächten Immunsystem, sollten niemals ohne ärztliche Absprache mit Kältetherapien experimentieren.
Für Olivia ist die Sache klar. Sie ist heute krebsfrei und geht weiterhin jeden Tag zweimal ins kalte Wasser. Es ist für sie mehr als nur eine Gewohnheit. Es ist ein Akt der Selbstfürsorge, ein Weg, ihren Körper zu stärken und ein Gefühl der Kontrolle zurückzugewinnen. Ihre Geschichte ist ein eindrucksvolles Zeugnis der tiefen Verbindung zwischen Körper, Geist und der Kraft der Natur.
Heute unterstützt Olivia als Coach und Hypnosetherapeutin andere Menschen dabei, emotionale Blockaden zu lösen und innere Stärke zu entwickeln. Ihre eigene Krebserkrankung hat ihr gezeigt, was Menschen in tiefen Krisen wirklich brauchen: individuelle Begleitung, Raum für Gefühle und das Vertrauen in die eigene Kraft. Mehr über Olivias Arbeit und ihre Angebote erfahren Sie auf ihrer Website.
Referenzen
1Seki T, Yang Y, Sun X, et al. Brown-fat-mediated tumour suppression by cold-altered global metabolism. Nature. 2022;608:421-428. doi:10.1038/s41586-022-05030-3
2Srámek P, Simecková M, Janský L, et al. Human physiological responses to immersion into water of different temperatures. Eur J Appl Physiol. 2000;81(5):436-442. PMID: 10751106
3Dana-Farber Cancer Institute. Can Cold Plunges Prevent or Treat Cancer? Insight Blog. Mai 2025. Link zur Quelle
4Grazioso TP. The forgotten art of cold therapeutic properties in cancer. PMC. 2023. Link zur Quelle



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